ZUM TOD DES POSAUNIERS HERMANN BREUER: Der Pianist mit dem Zug zur Posaune | Neuigkeiten und Kritik | BR-KLASSIKER

ZUM TOD DES TROMOUNISTEN HERMANN BREUER

Der Pianist mit dem Zug zur Posaune

25. Januar 2023 von Roland Spiegel

Er war ein Urgestein der Münchner Jazzszene. Der Posaunist und Pianist Hermann Breuer ist heute im Alter von 80 Jahren gestorben, wie seine Tochter, die Saxophonistin Carolyn Breuer, mitteilte. Erst im Dezember wurde bei ihm eine schwere Krankheit diagnostiziert.




Pianist und Posaunist Hermann Breuer |  Bildquelle: Audi AG




Bildquelle: Audi AG

Klassische Klänge im Jazz 25.01.2023

Nachruf auf Hermann Breuer

Die Münchner Jazzszene trauert. Denn ein Musiker, der diese Szene maßgeblich geprägt hat, ist in der Nacht zum 25. Januar 2023 gestorben: der Posaunist und Pianist Hermann Breuer. Er galt als eine der wichtigsten Identifikationsfiguren der Münchner Szene – in und zwischen vielen Stilrichtungen. Der ehemalige Jazz-Moderator des Bayerischen Rundfunks, Joe Kienemann, sagte einmal: Hermann Breuer ist der gefragteste Dixieland-, Swing-, Mainstream-, Bebop-, Latin-, Funk-, Combo- und Bigband-Posaunist in Personalunion der stark besetzten Münchner Szene. Einer, der vieles konnte und für viele ein wichtiger Einfluss war. Es gibt wohl nur wenige regelmäßige Münchner Jazzkonzertbesucher, die den Mann mit den kräftigen weißen Haaren, die in schwungvollen Wellen zurückgekämmt sind, und dem borstigen Schnurrbart noch nie in einem Konzert gesehen haben. Denn bis vor etwa zehn Jahren war Hermann Breuer immer in vielen verschiedenen Bands aktiv.

ERSTER KLAVIERUNTERRICHT MIT VIER JAHREN

Hermann Walter Breuer wurde am 27. Oktober 1942 in München geboren. Er wuchs in Schwabing auf und beschäftigte sich schon früh mit Musik. Seine Mutter begann ihm mit vier Jahren das Klavierspielen beizubringen. Auf dem Gymnasium lernte er auch Posaune und Geige. Als Student entdeckte er den modernen Jazz für sich. Unter anderem musizierte er mit dem Saxophonisten Joe Viera, dem späteren Programmgestalter und Mitbegründer der Internationalen Jazzwoche Burghausen. Und mit dem Bassisten Ernst Knauff, der später den berühmten Münchner Jazzclub „Domizil“ gründete.

VON DER MUSIKSCHULE ZUM “DOMIZIL” UND ANDEREN VEREINEN

In den frühen 1960er Jahren verdiente er sich seine ersten Sporen als Pianist. Ab 1962 besuchte er die Musikhochschule in der Münchner Arcisstraße, schrieb sich dort pro forma für Posaune ein und arbeitete bereits in Clubs als Jazzpianist. Zu dieser Zeit war er bereits Mitglied im Quintett von Joe Haider, einem Bandleader, der heute noch als Pianist bekannt ist, damals aber auch Vibraphon spielte. Wenig später wechselte Breuer für kurze Zeit an den Rhein. In Köln lernte er Musiker wie den Multiinstrumentalisten Gunter Hampel, den Trompeter Manfred Schoof und den Saxophonisten Gerd Dudek in einer Szene kennen, die bereits sehr am Puls der Zeit war. 1964 ging er zurück nach München, wo er neben dem Domicile auch in anderen Clubs zu hören war.

BIG BAND JAZZ, SOUL, LATIN – UND SOGAR DISCO SOUND

Bald musizierte er in verschiedenen Stilrichtungen, zum Beispiel in Soulbands bei Auftritten in amerikanischen Soldatenklubs, pflegte mit der Gruppe „Sinto“ und anderen Musikern den Latin-Sound und war im Laufe seines musikalischen Lebens ein unverzichtbarer Akteur in diversen Big Bands – wie die des amerikanischen Trompeters Al Porcino, der nach München gezogen ist, und die des Schlagzeugers Harald Rüschenbaum. Als in den 1970er Jahren die Tonstudios in München boomten, wurde Breuer immer wieder für Film- und Discomusikproduktionen engagiert. 1973 hatte er aufgehört, öffentlich Klavier zu spielen, um sich ganz auf die Posaune zu konzentrieren. Im Alter wechselte er wieder zum Klavier, weil er mit seinem Posaunenspiel nicht mehr zufrieden war.

EINFLUSSREICHER JAZZLEHRER UND MUSIKER IN EINEM JAZZICAL FÜR KINDER

„Ich habe sogar in Tanzbands gespielt und würde nicht sagen, dass ich dort gelitten habe“, sagte er in einem Interview mit dem Münchner Musikjournalisten Ssirus W. Pakzad. Und im Gespräch mit Marcus Woelfle, wie Pakzad einer der Moderatoren der BR-KLASSIK-Jazztime, amüsierte er sich über den Studio-Perfektionismus und die Angewohnheit, Sounds am Bildschirm auf „falsch“ zu prüfen, anstatt sie zu überprüfen Ohr zu urteilen. Auch der gefragte Hermann Breuer war Lehrer. Er unterrichtete zunächst an Joe Haiders „Jazz School Munich“ und schließlich bis 2008 am Münchner Richard-Strauss-Konservatorium, das später Teil der Hochschule für Musik und Theater München wurde. Seinen klar konturierten, kraftvoll swingenden und ebenso geradlinigen wie flexiblen Sound gab er an jüngere Generationen weiter. Breuers Kunst hatte einen besonders starken Einfluss auf die Tochter des Posaunisten und Pianisten, die 1969 geborene Saxophonistin Carolyn Breuer, die seit gut zwei Jahrzehnten zu den bekanntesten Jazzprotagonistinnen aus München zählt. Band arbeitete in Köln zusammen. Unter anderem arbeitete er mit ihr an dem Stück „Der kleine Erdbär“, einem „Jazzical“ für Kinder. In einem Interview mit Ssirus W. Pakzad sagte Breuer kürzlich scherzhaft: „Mit 70 bist du alt, mit 75 bist du alt, und mit 80 erreichst du schon das Alter von Methusalem.“ Letzteres konnte der leidenschaftliche Musiker Hermann Breuer leider nur sehr kurz genießen.

Ich habe sogar in Tanzbands gespielt und würde nicht sagen, dass ich gelitten habe.

Hermann Breuer

Übertragung: „Leporello“ am 25. Januar 2023 um 16.05 Uhr auf BR-KLASSIK