Wo ist der Schlüssel für das „Ich“ wie ich? (nd-aktuell.de)

Prinz Harry schreibt auch selbst, ohne Ghost: So trägt er sich beispielsweise in Krankenhäusern in Gästebücher ein.

Prinz Harry schreibt auch selbst, ohne Ghost: So trägt er sich beispielsweise in Krankenhäusern in Gästebücher ein.

Foto: Alamy/PA Bilder

Diese Kampagne hat alles, was versierte alte weiße Männer zu Tränen rührt, wenn sie Anwerber sind: die Veröffentlichung von „Reserve“, den ersten biografischen Bekenntnissen von Prinz Harry, dem zweiten Sohn von Charles und Diana, getauft auf den Namen Henry Charles Albert David – aber immer spöttisch genannt „Harold“ an seinen älteren Bruder William, den Kronprinzen. »Reserve« führt von der Idee (»Kleiner Prinz packt aus«) zur Hyperaktivität ganzer Heere von Hofdamen, Simultandolmetschern und Echos in allen Pressekammern und Social-Media-Kanälen.

Dies wird als maximale Belichtung bezeichnet. Vor Weihnachten gab es mit der Netflix-Dokumentarserie einen weltweiten Launch »Harry & Meghan« mit Streaming-Bewertungen, die doppelt so hoch sind wie die der fünften Staffel von The Crown. Basierend auf einer wahren Begebenheit, aus emotionalen Zuständen, die wir Sterblichen nie fassen können: die Geschichte des 38-jährigen Prinzen, der mit seiner vom Palast verschmähten Frau die »Kollaboration« für das englische Königshaus aufgibt Familie und flieht ins Exil. Auf Augenhöhe mit dem Zeitgeist, fast reformistisch oder gar rebellisch präsentiert.

Shakespeare hätte dieses Drama nicht ergreifender machen können. Es wurde die meistgesehene Netflix-Produktion des Jahres und das erfolgreichste Debüt einer Dokumentation überhaupt in dem politisch zutiefst verwirrten Königreich. Es wurde in den ersten vier Tagen über 80 Millionen Mal gestreamt, was ungefähr 28 Millionen Haushalten entspricht.

Als wäre das nicht genug von der königlich servierten Extravaganz, arbeiteten und redigierten und übersetzten Assistenten in mehr als einem Dutzend Ländern gleichzeitig an »Spare«, wie Harrys Memoiren ursprünglich hießen. Nicht zu vergessen die Schauspieler für die Hörbuchaufnahmen. Mit »Spare« konkurrieren die Gerichtsreporter mit den Meinungsmachern. Harrys Bildproduktionsmaschinerie droht auf dem Overmuc zusammenzubrechen. 512 Seiten lang klagt er über zu viel Aufmerksamkeit. Seine Sympathiewerte scheinen schneller zu sinken, als die Memoiren geliefert werden können.

Wie konnte das passieren? Zum einen liest er selbst kaum Bücher, und in dieser Hinsicht beneidet er seine Frau darum, dass sie Elizabeth Gilberts Bestseller Eat Pray Live verschlingt. Dass er in »Reserve« einen grausamen, peinlichen Kindheitsmoment seines älteren Bruders öffentlich machte, schockierte sogar Patti Davis, die Tochter des ehemaligen US-Präsidenten Reagan, so sehr, dass sie selbst zum Griffel griff – die Preisgabe von Familiengeheimnissen hat ihre Grenzen.

Aber wer führte die Feder des Prinzen? Wer hat für nachvollziehbare Syntax und dramaturgische Bögen gesorgt? Es ist normal, wenn Promis, die einfach zu viel zu tun haben, einen Ghostwriter beauftragen. Ghostwriter zu sein ist ein vernachlässigter Beruf. Im Idealfall ist man unsichtbar. Und gilt geradezu als anrüchig, als eine Art Matchmaker zwischen Spitzensportlern oder sonst nicht so sicher formulierenden Menschen, die, aus welchen Gründen auch immer, im Rampenlicht stehen und deshalb die ganze Welt glaubt, alles über sie zu wissen. Wo ist der Schlüssel für das „Ich“ wie ich?

Hier kommen Kunst und solides Handwerk zur Geltung. Alles für den Verkauf. Für „Spare“ oder „Reserve“, ob von Harry entschieden oder ihm auferlegt, war die erste Wahl als Geist jedenfalls: JR Moehringer, Pulitzer-Preisträger.

Seitdem ist Moehringer legendär André Agassis Buch »Open: The Self-Portrait«. Zwei Jahre lang trafen sie sich im Bio-Supermarkt zum Frühstück (Burritos). Damit der Geist aus der Flasche kommt, profane Ballspiele nicht nach Tennis klingen, hinter den Kulissen, monoton plumpsend, plauderten sie jeden Morgen – und danach ging JR zurück in das Haus, das der Tennisstar eigens gekauft hatte. Der Geist interessierte sich nur für den Tisch. Es war sehr groß, ein Plateau, auf dem sich Handlungsstränge entfalten konnten.

Spannender Typ, der Möhringer. Kitzelt Dinge aus Menschen heraus, die dich umhauen. Er weiß, wie man eine Welle macht. Dann wird aus seinem Zeitungsbericht über einen Obdachlosen, der sich für einen bekannten (seit Jahren toten) Ex-Profiboxer hält, erst ein Buch, dann ein Film und schließlich ein Millionengeschäft. Ob Sie jemandes eigene Memoiren kaufen, ist eine andere Geschichte. Wie auch immer, George Clooney hat es ihm abgenommen und es erschossen Moehringers als autobiographischer Apostrophier Roman 2021 der Film »The Tender Bar«. Begeisternd an dem Schriftsteller Moehringer ist, dass er im Spiel um die große Aufmerksamkeit sein Blatt so spielt, dass es alle glauben. Anmerkung: Deutsche Verlage schreiben, dass er 1966 geboren wurde, in den USA wurde er 1964 geboren.

Ghostwriter zu sein ist anstrengend. Ich habe auch als Geist gearbeitet, einmal für einen Rockstar der alten Schule. Statt des exklusiven Bio-Marktes in Las Vegas entschieden wir uns dort für eine Finca mit Pool, die im Auftrag eines ehemaligen Managers eines Barcelona-Fußballvereins gebaut worden war. Wirklich. Und selten dämlich, was auch nie im Buch steht: Das Schwimmbad war von Bäumen umgeben, die sich zu jeder Jahreszeit unermüdlich ans Wasser nadeln. Es war eine verdammt harte Arbeit, sie jeden Morgen herauszufischen. Das Hotel war zu klein für den Rockstar. Er hatte immer neue Ideen, Updates an verschiedenen Stellen. Unvergesslich, obwohl hier unbemerkt, als ein anderer Geist übernahm. Mal in der Kneipe, dann im Elite-Fitnesscenter, wo der Star beim Schwitzen zuschaut und kaum mehr als ein Glas aufs Bodybuilding erhebt. Das hält schlank. Apropos, es ist im Moment nicht flüssig. Der Geist begleicht die Rechnung.

Aber Rockstars leben so, wie wir träumen, denkt man. Orgien mit illegalen Inhaltsstoffen und Nebenwirkungen wie Hörschäden und Gedächtnisverlust. Breitet man das aus, kommen alle auf ihre Kosten – wenn auch mit geringerer Resonanz als bei Bob Dylans »Chronicles«. Sie lesen sich wie alles andere, nur nicht wie Chroniken. Aber sie waren gut genug für einen Nobelpreis ohne Ghost.

Zurück zum Job, in die Niederungen der unsichtbaren Geister, die manchmal Gedächtnislücken und Blackouts haben. Wie sollen sie dem Aufhänger des Klappentextes das Unbekannte, Nie Gesagte vermitteln? Vielleicht so: Auftakt zur Kindheit. Jetzt etwas Tiefenpsychologie, Para würde auch funktionieren. Sitzt man mit einem extremen Promi an einem Tisch, werden alle Register gezogen – Fan und Freund, Pfarrer und Vertrauter, Geschäftsführer und Autorenfilmer. Beim Entkorken von Flaschengeist und Flasche, tastend nach Unbekanntem, auch nach Dreck, aber wohl dosiert – scharf genug für einen Aufruhr, nicht hinterlistig genug, um mit Klagen überhäuft zu werden.

Hinweis: Nur Erstgeborene werden Könige oder Königinnen. Seltsamerweise ist es normalerweise das gleiche für Staatsoberhäupter. Aus den Nachgeborenen wird etwas anderes (siehe SPD-Politiker Martin Schulz). Es gibt viele psychoanalytische Studien, die die ältesten mit den jüngsten Kindern vergleichen, aber kaum eine zum Phänomen der schwarzen Schafe, das gelegentlich in Familien mit zwei oder mehr Kindern, immer aber mit drei oder mehr Kindern auftritt. Die komplizierte Positionierung kann dich dann zum Star machen, zum Außenseiter auf jeden Fall – davor warst du meist ein verprügeltes Kind und ein Einzelgänger, stur wie wenige. Solche Register, zum Ordnen der Eindrücke, Fräsen der Handlungsentwicklung, geistern den Ghostwriter um.

Ein letzter Ausweg ist die Astrologie, notfalls die chinesische; wonach Harry eine Ratte ist. Ausbuchstabiert: aggressiv, schlau und steht am liebsten im Rampenlicht. Fast alle Sänger sind Ratten, einschließlich Gitarristen, die mit Soli oder Soloalben oder was auch immer um das Rampenlicht ringen. William ist ein Hund – treu, so die 4000 Jahre alte Sterninterpretation.

Womit wir beim wirklich Tragischen wären. Kein König musste so lange warten, keiner bereitete sich so lange darauf vor wie der jetzige aus England, der nicht nur mit seinem Jüngsten das Tierkreiszeichen Ratte gemeinsam hat – sondern auch deswegen sind Harry und Meghan schon bemerkenswert Der schräge König will modernisieren. Das geht aber nur mit einem Stab aus cleveren Beratern. Und mit Gespenstern, die es verstehen, Geschichten spannend zu erzählen.