Melissa Aldana und ihre Bigband: große orchestrale Intimität

DErwartungen erfüllen oder durchkreuzen? Jazzmusiker haben diese künstlerische Dichotomie oft mit herausforderndem Widerstand gelöst: gegen anspruchslose Unterhaltung, gegen stromlinienförmige Tanzmusik, gegen beruhigende Schönheit. Es gibt sogar einen Widerspruch in der Art und Weise, wie einige ihre Instrumente spielen. Chet Baker wollte mit der Trompete singen, Howard Johnson wollte mit der Tuba Geschwindigkeitsrekorde aufstellen, Gerry Mulligan wollte die Schwerfälligkeit des Baritonsaxophons überwinden. Und wer weiß, wie viele Jazzmusikerinnen mit der Wahl ihres Instruments Vorurteile über geschlechtsspezifische Muskelkraft als technische Notwendigkeit ad absurdum führen wollen?

Man würde sicher nicht vermuten, dass die chilenische Tenorsaxophonistin Melissa Aldana bei ihrem Konzert als Gast der hr-Bigband im ausverkauften Theater Rüsselsheim den Erwartungen des Publikums an große orchestrale Klangfülle bewusst entgegenwirken wollte. Jim McNeely, der Chefdirigent des Orchesters, wird sich nicht ans Klavier gesetzt haben, um im unbegleiteten Duett mit dem Saxophonisten zu demonstrieren, dass zwei Musiker einer Big Band überlegen sein können. Dennoch dürften nicht wenige Zuhörer dieses wunderbare Zusammenspiel als Höhepunkt des Bigband-Auftritts empfunden haben.