Der Klezmer-Virtuose Giora Feidman kommt nach Berlin

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Der Klezmer-Virtuose Giora Feidman kommt nach Berlin

Klarinettist Giora Feidman.

Klarinettist Giora Feidman.

Foto: Maurizio Gambarini / FUNKE Fotoservice

Wer „Schindlers Liste“ gesehen hat, kennt seine Musik: Am Dienstag ist die Seelenkunst des Klarinettisten in Berlin zu hören.

Wenn Giora Feidman zur Klarinette greift, erwacht das Instrument zum Leben. Es singt, flüstert, wimmert, lacht, tanzt, schreit, jubelt und schluchzt. Seine Töne eröffnen Klangwelten und erzählen ganze Geschichten. Völlig in sich gekehrt entlockt der weltberühmte Klezmer-Virtuose seiner Klarinette meist mit geschlossenen Augen die Melodien. „Es gibt mir eine Verbindung zu meiner Seele und ich spüre die Energie. Denn die Musik kann man nicht sehen, man muss sie fühlen“, erklärt der 86-Jährige.

Er wird nicht müde, darauf hinzuweisen, dass er sein Instrument nicht spielt. Vielmehr ist er Sänger. „Ich spreche mit der Klarinette aus meiner Seele“, sagt er. Er nimmt die Zuhörer mit auf eine Reise in sein Inneres, in einen Kosmos voller Emotionen. Spieltechnisch scheinen ihm keine Grenzen gesetzt zu sein. Schließlich geschieht klanglich alles in atemberaubender Geschwindigkeit und immer auf höchstem künstlerischem Niveau. Auch stilistisch lässt sich Giora Feidman nicht in eine Schublade stecken. Was er bei seinem Konzert im Kammermusiksaal der Philharmonie im Rahmen seiner „Friendship World Tour“ wohl noch einmal eindrucksvoll unter Beweis stellen wird. Dort gastiert er am Dienstagabend mit seinem Quartett. Bestehend aus Sergej Tcherapanov am Klavier und Cembalo, Geiger Piotr Niewiadomski, Cellist Germán Prentki und Nina Hacker am Kontrabass.

Schon der Urgroßvater musizierte bei Hochzeiten

Anlass für die ausgedehnte Konzerttournee ist das 75-jährige Bühnenjubiläum des Künstlers. Feidman wurde im März 1936 als Sohn jüdischer Einwanderer in der argentinischen Hauptstadt Buenos Aires geboren und stammte aus einer Klezmer-Musikerfamilie. Sein Vater, Großvater und Urgroßvater spielten Musik für Hochzeiten, Bar Mizwa und Feiertagsfeiern in den Schtetls Osteuropas. Schon als Teenager begleitete Feidman seinen Vater zu Auftritten. Seine Karriere als Musiker begann schließlich 1955 als Mitglied des renommierten Teatro Colón Symphony Orchestra in seiner Geburtsstadt. Zwei Jahre später wanderte er nach Israel aus und wurde mit 21 Jahren der jüngste Klarinettist, der je im Israel Philharmonic Orchestra spielte. Anfang der 1970er Jahre zog es ihn dann für einige Zeit nach Amerika und eroberte als Solist von New York aus mit seinen zeitgenössischen Klezmer-Interpretationen die Konzertbühnen der Welt.

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Giora Feidman wurde 1984 in Deutschland bekannt, als er in Peter Zadeks Inszenierung von Joshua Sobols „Ghetto“ an der Freien Volksbühne in West-Berlin neben Ulrich Tukur, Michael Degen und Esther Ofarim die Hauptrolle spielte: die Klarinettistin. Er nahm an 160 Vorstellungen teil. Für ihn war das Stück ein Zeichen der Versöhnung. Seitdem hat er eine starke Verbindung zu Deutschland. „Ich fühle mich hier zu Hause. Ich liebe dieses Land Der Versöhnungs- und Heilungsprozess seit dem Zweiten Weltkrieg hat Israelis und Deutsche zu Freunden gemacht. Wir sind schließlich alle eine Familie, die wir Menschheit nennen“, sagt er.


Auch seine Musik wurde mit „Ghetto“ auf einen Schlag populär. Diese spannende Verschmelzung von jüdischer Familie und argentinischer Heimat, von Klezmer und Tango, die Feidman mit Elementen aus Jazz, Soul und Klassik bereichert. Die unbändige Vitalität seines ausdrucksstarken Klarinettenspiels sucht ihresgleichen. Kein Wunder also, dass ihn der Filmregisseur Steven Spielberg 1993 einlud, die Klarinettensoli im Soundtrack von „Schindlers Liste“ zu spielen. Außerdem widmete ihm der Jahrhundertmusiker Leonard Bernstein ein Arrangement. Und der Schriftsteller Isaac Bashevis Singer glaubte, auf Feidmans Klarinette reines Jiddisch zu hören.

“Wie ein Baby mit seinen Geräuschen”

Der Name Giora Feidman ist seit langem ein Synonym für Klezmer. Mit seinen Konzerten will er die Botschaft von Frieden und Versöhnung senden. Mit der Kraft der Musik. „Sie bringt Menschen zusammen. Komponisten, Tänzer, Instrumentalisten, Sänger, Zuhörer. Musik kommuniziert ohne Worte. Wie ein Baby mit seinen Klängen, die jeder verstehen kann. So entstehen wertvolle Momente voller Liebe“, weiß die Musikerin.

Was ihn derzeit jedoch beunruhigt, ist der Krieg in der Ukraine. Er fragt sich wie viele andere: „Warum wird das Land bombardiert? Was bringt das?“ Und er sieht das große Leid in weiten Teilen Afrikas, drückt seine Trauer um die Kinder aus, die keinen Zugang zu Wasser haben: „Wir könnten es so gut haben, auf der Erde ist Platz für uns alle“, sagt er, auch er vertraut auf die jüngeren Generationen und hofft, dass sie einen positiven Weg finden und diesen auch in Zukunft gehen, um so die Krankheiten Rassismus und Antisemitismus hinter sich zu lassen.

Solange er kann, wird Giora Feidman musikalisch für ein friedliches Miteinander über die Grenzen von Ländern, Kulturen, Religionen und Generationen hinweg eintreten. Auch wenn er nächsten Monat 87 Jahre alt wird und Klarinette spielen bekanntlich körperlich sehr anstrengend ist. Denn die Atemtechnik, die man für melodiöse Töne beherrschen muss, hat mit natürlicher Atmung rein gar nichts gemein. Trotzdem will der Ausnahmemusiker keine anstrengenden Live-Konzerte mehr geben. Dafür liebt er sein Instrument und die Freude, die er dem Publikum bereitet, viel zu sehr.